Interview mit Chefarzt mit Prof. Dr. Martin Schuler
Wo setzen Sie die Schwerpunkte für die Arbeit in Ihrer Abteilung?
Prof. Schuler: Thorakale Onkologie umfasst die Behandlung von Krebserkrankungen im Bereich der Lunge und des Brustraums. Wir verfolgen die Diagnostik und medikamentöse Behandlung unter Einschluss modernster Verfahren, neuer Substanzen und optimierter Chemotherapien. Jeder Kranke bekommt die Behandlung, die wir als die wirksamste für ihn ansehen. Dafür beraten wir uns in regelmäßigen Tumorkonferenzen mit Spezialisten aus allen klinischen Abteilungen.
Sie leiten die „Tumorklinik“ am Universitätsklinikum Essen (UKE) und parallel die Thorakale Onkologie an der Ruhrlandklinik. Wie wird die Behandlung koordiniert?
Prof. Schuler: Im Uni-Klinikum umfasst unsere Klinik 65 Betten, hier in der Ruhrlandklinik haben wir zwölf Betten für die Patienten der Thorakalen Onkologie. Ihnen steht vor Ort als Oberarzt Dr. Thomas Gauler zur Verfügung, der ebenfalls aus dem UKE kommt und versiert in allen Formen der Diagnostik und Therapie ist. Wir stimmen alle erforderlichen Behandlungsschritte gemeinsam ab. Außerdem bin ich regelmäßig bei Visiten und Konferenzen in der Ruhrlandklinik anzutreffen. Die Zusammenarbeit der beiden Kliniken ist übrigens schon eine Jahrzehnte alte Tradition. Ich sehe für die Patienten hier große Vorteile. Bislang mussten alle Patienten ins UKE wechseln, wenn sie sich einer medikamentösen Therapie unterziehen wollten. Das war vor allem für Auswärtige oft umständlich, da bestimmte Behandlungen auch gut in der Ruhrlandklinik durchgeführt werden könnten. Wir sind den Patienten jetzt auf dem Weg entgegen genommen und sorgen dafür, dass sie komplett und kompetent unter einem Dach versorgt werden.
Welchen Stellenwert nimmt der Lungenkrebs innerhalb der Thorakalen Onkologie ein?
Prof. Schuler: Die meisten unserer Patienten hier haben Lungenkarzinome, nur wenige Prozent leiden unter anderen bösartigen Erkrankungen des Brustraumes wie etwa Mesotheliome, Thymome oder Sarkome. Lungenkrebs wird Medizin und Forschung in Zukunft weiter stark fordern. Schon jetzt gibt es in Deutschland mehr als 50.000 Neuerkrankungen pro Jahr. Immer mehr Frauen sind betroffen. Die bösartige Erkrankung kommt nicht von heute auf morgen, sondern entwickelt sich zumeist über Jahrzehnte. 85 Prozent der Lungenkrebs-Patienten sind oder waren übrigens Raucher. Oft leiden sie auch noch an COPD, der chronischen Verengung der Bronchien. Auch diese Begleiterkrankungen der so genannten Raucherlunge müssen dann mit behandelt werden.
Auf welchem Stand ist die Forschung heute?
Prof. Schuler: In den vergangenen Jahren hat es viele Fortschritte in der Krebstherapie gegeben. Die Tumorforschung am Universitätsklinikum Essen betreibt eine intensive Grundlagenforschung, deren Erkenntnisse schnell in die Behandlung einfließen können. Unsere Patienten haben also immer einen bedeutenden Vorsprung, wenn es um die Anwendung neuer Verfahren geht. Diese hohe Qualität wird natürlich auch in die Ruhrlandklinik transportiert.
In welche Richtung geht die medikamentöse Therapie?
Prof. Schuler: Grundsätzlich wollen wir die Belastungen für den Patienten möglichst niedrig halten und dadurch seine Lebensqualität erhöhen. Die Chemotherapien sind inzwischen nicht nur wirksamer, sondern auch wesentlich verträglicher geworden. Das ist wichtig, denn diese Behandlung ist für die meisten Krankheitsbilder nach wie vor unverzichtbar. Die Erfolge beim Einsatz von neuen Substanzen wie Hemmstoffe des Tumorwachstums und monoklonale Antikörper zeigen, dass es bei der Therapie von bösartigen Erkrankungen schon heute für einen Teil der Patienten neue Perspektiven gibt. Unsere Aufgabe der nächsten Jahre ist, weitere „maßgeschneiderte“ Wirkstoffe für alle Patienten mit Lungenkrebs zu entwickeln.
Sie forschen und arbeiten intensiv im Bereich der individualisierten Therapie. Was genau bedeutet das?
Prof. Schuler: Den Krebs gibt es nicht, sondern es gibt sehr viele unterschiedliche Krankheitsbilder. Auch Lungenkrebs zeigt sich in vielen Formen. Die Ursachen dafür erforschen wir ebenso wie das beste Mittel im Kampf gegen das jeweilige Krankheitsbild. Um dem einzelnen Patienten gezielt helfen zu können, behandeln wir ihn nach der Methode, die uns für ihn am wirksamsten erscheint. Ein Spitzenzentrum wie das Westdeutsche Tumorzentrum, zu dem auch die Ruhrlandklinik gehört, bietet beste Voraussetzungen dafür, dass alles getan werden kann, was nötig und richtig ist. Solch eine Verknüpfung von Forschung und Versorgung auf höchstem Niveau kann nur eine Universitätsklinik bieten.
Welches Credo steht über Ihrer Arbeit?
Prof. Schuler: Ich konzentriere mich auf die universitäre Medizin, weil ich mich nicht nur mit den Behandlungsmöglichkeiten zufrieden geben will, die es heute schon gibt. Ich kann mit meiner Forschung dazu beitragen, die Aussichten von kranken Menschen zu verbessern und nutze dafür die vielfältigen Möglichkeiten, wie sie nur ein Universitätsklinikum bieten kann.

